The Future is now!
Die Pistole ist eine über 100 Jahre alte Maschine, für die es in den letzten 20 jahren kaum bahnbrechende Entwicklungen gab. Mit der Vorstellung der Alien kam durch Laugo Arms ein frischer Impuls die Faustfeuerwaffe neu zu denken. In diesem Artikel stelle ich die spannendsten Neuheiten von Low Bore-Pistolen vor.
Laugo Arms Alien
Die Alien von Laugo Arms war die erste Pistole in der jüngeren Vergangenheit, die durch ihren niedrigen Lauf bekannt wurde. Entgegen aller Pistolenmodelle der letzten Jahrzehnte, ist die Position der Federstange und des Laufs bei dieser Waffe vertauscht. Fast alle Pistolen nutzen mittlerweile ein modifiziertes Browningsystem, bei dem der Lauf mit dem Verschluss verriegelt. Bei Schussabgabe gleiten Lauf und Verschluss als Einheit zurück, bis eine Steuerkurve die Trennung von Lauf und Verschluss einleitet. Die Trennung wird durch ein nach unten Kippen des Laufs realisiert. Eine Feder drückt den Verschluss anschließend wieder nach vorne, wobei der Lauf nach oben gezogen wird und wieder mit dem Verschluss verriegelt.


Abbildung 1: Black Edition der Laugo Arms Alien. Der Lauf verläuft ganz knapp über dem Abzug. Der silberfarbene Block mit den Markings ist nicht die Kammer des Laufs. Dieses Teil ist der Gaszylinder, der über der Kammer angebracht ist. Die Visierschiene in Schwarz ist fest mit dem unteren Teil der Pistole verbunden und bewegt sich im Schuss nicht. Der äußere Teil des Verschlusses ist vollständig mit Durchladehilfen durchzogen und scheint hier in einem Anthrazit. Quelle: Jagd und Sport, https://www.jagdundsport.store/media/image/73/65/28/F02731_2.png, 2026.
Um den Lauf so weit unten wie bei der Alien zu positionieren, ist es nötig, ein anderes Verschlusssystem zu verwenden, da ein Abkippen des Laufs nach unten nicht weiter möglich ist. Bei der Konstruktion der Alien hat man sich entschieden, den Lauf starr zu verbauen und die Öffnung des Verschlusses über den Gasdruck zu verzögern. Hierzu besitzt der Lauf auf seiner Oberseite einen Zylinder, in dem ein Kolben läuft. Dieser Zylinder ist im geschlossenen Zustand der Alien zu sehen. Auf den ersten Blick sieht dieser aus wie das Patronenlager der Waffe. Das ist bei genauem Hinsehen aber aufgrund der Laufposition nicht möglich. Der Kolben wird beim Schuss durch die Verbrennungsgase nach vorne gedrückt. Das Ende des Kolbens liegt an einer Fläche am vorderen Ende des Verschlusses an und verzögert durch den Gasdruck dessen Öffnen. Während das Projektil im Lauf ist, wirkt die Kraft auf den Kolben der Kraft auf den Stoßboden des Verschlusses entgegen. Der Kolben ist mit einer parallelen Federführungstange verbunden, die den Verschluss und Kolben wieder in die vordere Stellung bewegt.


Abbildung 2: Die Laugo Arms Alien in ihre groben Baugruppen zerlegt. Oben zu sehen ist die Schiene mit dem Visier und dem abgeschlagenen Hammer, der senkrecht nach unten steht. Darunter ist der Verschluss zu erkennen, der durch seine Bauweise eine relativ geringe Masse hat. Im Griffstück ist der Lauf mit dem integrierten Gaszylinder verbaut (polierte Flächen). Darin läuft der Kolben mit der parallel laufenden Verschlussfeder (gelb-goldene Farbe). Quelle: Jagd und Sport, https://www.jagdundsport.store/marken/laugo-arms/19848/laugo-arms-pistole-alien-performance-9-x-19-gruen, 2026.
Ein gasdruckverzögertes System ist an sich keine neue Erfindung. Die bekannteste Anwendung der Vergangenheit ist die P7 von Heckler und Koch. Neu ist jedoch die Anordnung von Lauf und Gasgestänge. Die Alien wurde mit dem dynamischen Schießsport im Sinn entwickelt und wird im IPSC-Regelwerk als Striker-Fire-Waffe geführt. Das ist technisch Quatsch, ermöglicht aber den Einsatz in der Production Division. Hier ist besonders spannend, dass sich die Visierlinie im Schuss nicht bewegt. Das Visier ist auf einer Schiene angebracht, die in einer Nut des Verschlusses sitzt. Die Schiene ist fest mit dem Gehäuse der Waffe verbunden. Sie sichert den Verschluss und trägt die Hammergruppe. Der Abzug der Alien ist nämlich tatsächlich eigentlich ein Single-Action-Hammerabzug. Der Hammer ist voll vorgespannt in der Visierschiene der Alien und wird durch den Abzug im Griffstück ausgelöst. Dazu wird die Bewegung des Abzugs durch einen senkrecht stehenden Stift vom Griffstück zur Visierschiene übertragen. Der Hammer schlägt dann auf den federgelagerten Schlagbolzen.
Durch die niedrige Laufachse und die geringe bewegte Masse, aufgrund des leichten Verschlusses, hat die Waffe einen sehr geringen Hochschlag. Daher ist die Waffe als Game Changer für das schnelle, dynamische Schießen angepriesen. Ich kann aus Erfahrung sagen, dass sich die Waffe sehr angenehm schießt und einen fantastischen Abzug hat. Wer sich für eine bildhafte Darstellung der technischen Besonderheiten der Laugo Arms Alien interessiert, sollte sich das passende Video von Forgotten Weapons ansehen.
Opos Venator
Opos Arms ist eine brandneue Firma aus Österreich, die sich als Ziel gesetzt hat, den Pistolenmarkt zu revolutionieren, da sie nach eigener Aussage keinen echten Fortschritt erkennen konnten. Wie bei der Laugo Alien setzt Opos auf das Konzept, den Lauf und die Verschlussfeder in ihrer Position zu tauschen. Im Gegensatz zur Alien ist der Verschluss im Außenbereich ausladender gestaltet und trägt Kimme und Korn, sodass sich das Visier im Schuss bewegt. Es ist aber möglich, eine Optik auf eine Plattform vor der Kimme zu montieren, sodass die Optik beim Schuss in Ruhe bleibt. Opos wirbt bereits mit der Möglichkeit, statt der Kimme eine Optik zu montieren, sodass das Reglement der IPSC Production Optics / Optics Division erfüllt wird.


Abbildung 3: Die Opos Venator ist die erste Waffe der Firma Opos aus Österreich. Die Venator hat einen Drehlaufverschluss und ist, wie die Laugo Arms Alien, technisch eine Hammer Fired Pistol. Quelle: AWM Wien, https://www.awm.wien/waffen/opos-venator/#iLightbox[product-gallery]/6, 2026.
Für den Verschluss setzt Opos auf einen Drehlaufverschluss, wie es bereits aus Pistolen von Grand Power bekannt ist. Bei dieser Verschlussbauweise sind Verschluss und Lauf miteinander über Warzen am Lauf verriegelt. Lauf und Verschluss bewegen sich beim Schuss also zusammen nach hinten. In der Rückwärtsbewegung wird der Lauf über eine Steuerkurve im Griffstück gedreht, bis sich die Verriegelung von Lauf und Verschluss löst. Wie bei der Alien wird der Abzug über einen Stift vom Griffstück auf die obere Baugruppe übertragen. Bei Auslösen des Schusses wird der Hammer freigegeben, der von oben nach unten schwingt und auf den Schlagbolzen schlägt. Verschlussfeder und Hammer sind in einer getrennten Baugruppe untergebracht, die mit dem Griffstück verbunden ist. Währenddessen fährt der Verschluss nach Entriegelung vollständig nach hinten, spannt den Hammer und wird durch die Verschlussfeder wieder in die vordere Position gedrückt. Durch die Bauweise kann der Verschluss in seiner Masse und Form deutlich reduziert werden, was zu einem geringeren Hochschlag führt.


Abbildung 4: Opos Venator mit abgenommenem Verschluss. Zu erkennen ist der Lauf, verbaut im Griffstück, und die Verschlussfeder im Verschluss. Hinter dem Stoßboden ist der abgeschlagene Hammer zu sehen. Dahinter ist ein leerer Raum zu erkennen, in den vermutlich das Visionmodul eingesetzt werden wird. Quelle: AWM Wien, https://www.awm.wien/waffen/opos-venator/#iLightbox[product-gallery]/6, 2026.
Opos strebt nicht nur auf der mechanischen Seite nach Innovation. Der Hersteller wirbt auch mit der Einführung von Elektronik in seine Waffen. Das sogenannte Vision-Modul ist eine optionale Ausstattungsmöglichkeit, die Opos Arms in Q3 2026 für Kunden anbieten möchte. In einem kleinen Bildschirm auf der Rückseite der Waffe soll die aktuelle Patronenanzahl im Magazin angezeigt werden. Zusätzlich sollen beispielsweise Temperatur und aktuelle Schussbelastung der Waffe erfasst werden. Auf dem Griffrücken befindet sich ein Anschluss zum Laden des integrierten Akkus. Ursprünglich auf der IWA 2025 mit einem USB-C-Anschluss vorgestellt, hat Opos mittlerweile eine magnetische Lösung zum Laden nachgerüstet. Die Opos Venator konnte bisher vorbestellt werden, und eine limitierte Stückzahl soll zu Beginn 2026 bereits in der DACH-Region ausgeliefert werden.


Abbildung 5: Die Rückseite der Opos Venator mit Vision Modul zeigt die aktuelle Patronenanzahl im Magazin sowie andere nützliche Daten an. Am Griffrücken der Pistole ist eine Möglichkeit zum Laden des integrierten Akkus verbaut. Darunter befindet sich ein Knopf zum Umschalten der angezeigten Informationen. Quelle: Opos Arms, https://www.oposarms.com/, 2026.
Rideout Arsenal Dragon
Rideout Arsenal ist ein US amerikanischer Hersteller, der eine weitere Variante einer Low Bore-Pistole vorstellt. Die Pistole ist extrem modular aufgebaut und lässt sich vollständig ohne Werkzeuge zerlegen. Beispielsweise lässt sich die Abzugsgruppe als eine Einheit ausbauen und besteht aus Abzug, Abzugsbügel und Magazinlöseknopf. Die Abzugsgruppe trägt auch die Seriennumer nach US Recht, weshalb die anderen Bauteile nach belieben ausgetauscht werden könnten (natürlich nur in den USA und unter Beachtung des Rechts der einzelnen Staaten). Wie bei den zuvor vorgestellten Modellen hat auch Rideout Arsenal erkannt, dass eine ruhende Optik die Zukunft sein wird und hat es in ihr Konzept integriert. Spannend dabei ist aber, dass die Optik trotzdem als Ladehebel eingesetzt werden kann. Beim Zurückziehen greift die Montage der Optik in den Verschluss ein und zieht diesen mit nach hinten, ähnlich dem Ladehebel einer AR15. Das vereinfacht das Durchladen in stressigen Situationen enorm und lässt sich regelmäßig in der Production Optics Division beobachten, bei der Optiken auf dem Verschluss montiert sind.


Abbildung 6: Die Rideout Arsenal Dragon ist eine Low Bore-Pistole mit einem starren Lauf und einem hebelverzögerten Verschluss. Das Bauteil, welches man typischerweise als Verschluss mit Durchladehilfen identifizieren würde, ist die Verzögerungsmasse. Sie ist der einzige Teil, der sich augenscheinlich während des Schusses bewegt. Die Optik bleibt während des Schusses in Ruhe, kann aber auch zum Durchladen nach hinten gezogen werden. Quelle: Rideout Arsenal, https://rideout-arsenal.mybigcommerce.com/dragonv1/, 2026.
Die Dragon ist im Gegensatz zur Alien oder zur Venator eine echte Striker Fired Pistole. Da die Abzugseinheit eine modulare Einheit ist, wird die Abzugsmechanik nicht über ein Gestänge nach hinten übertragen, wie es beispielsweise bei der Glock der Fall ist. Hier besitzt der Schlagbolzen eine Verlängerung nach vorne zur Abzugsgruppe. Die Verlängerung wird im gespannten Zustand durch eine senkrechte Kralle gehalten, die oben aus der Abzugseinheit herausschaut. Der Abzug ist von 1911-Modellen inspiriert, wobei die gesamte Mechanik im kleinen Bauraum der Abzugsgruppe untergebracht ist.


Abbildung 7: Die Pistole ist sehr modular aufgebaut und lässt sich vollständig ohne Werkzeug zerlegen. Die Abzugsgruppe ist das waffenrelevante Teil in den USA und trägt die Seriennummer. Die restlichen Bauteile sind demnach nach Belieben austauschbar in den USA. Quelle: Forgotten Weapons, https://www.youtube.com/watch?v=FQ7RdSgGeMA, 2026.
Für den Verschluss hat sich Rideout Arsenal für ein Konzept mit starrem Lauf entschieden. Das Verschlussstück mit Stoßboden ist ein sehr leichtes Bauteil und sehr minimalistisch gehalten. Vom Stoßboden führen zwei parallele Schienen über dem Lauf zur Mündung. Am Ende der Schienen befindet sich ein Hebel, dessen kurzes, unteres Ende mit einer Kralle in einer Kante auf der Laufoberseite einrastet. Die lange Seite liegt am Ende der Schließfeder an, wo ein Mitnehmer für die Verzögerungsmasse angebracht ist. Die Schließfeder läuft zwischen den beiden Schienen des Verschlusses und ist am festen Lauf der Waffe angebracht. Da die Schließfeder auf die lange Seite des Hebels drückt, wird der Verschluss mit der Kraft der Feder, multipliziert mit dem Hebelarm, nach vorne gedrückt.


Abbildung 8: Vorderteil der Dragon ohne die Verzögerungsmasse. Der Hebel wirkt auf das federbelastete Stück, in welches die Verzögerungsmasse einrastet. Der Hebel ist mit dem Stoßboden verbunden, die Verzögerungsmasse und die Verschlussfeder laufen im Inneren der Verbindung. Quelle: Rideout Arsenal, https://rideout-arsenal.mybigcommerce.com/innovation/, 2026.
Beim Schuss wirkt der Gasdruck auf den Stoßboden des Verschlusses und beschleunigt diesen nach hinten. Da die Kralle des Hebels in den starren Lauf eingehakt ist, kann der Verschluss nicht nach hinten gleiten. Hierzu muss der Hebel einklappen. Die Kraft des Gasdrucks wirkt also auf die kurze Seite des Hebels, wodurch der reduzierte Kraftanteil über den langen Hebelarm auf die Verzögerungsmasse und die Schließfeder wirkt. Durch den langen Hebelarm wird die Verzögerungsmasse mit einer höheren Geschwindigkeit nach hinten bewegt als der Verschluss und verzögert somit dessen Öffnen. Das Prinzip gleicht dem der rollenverzögerten Verschlüsse. In diesem Fall übernimmt die Verzögerungsmasse die Aufgabe des Verschlussträgers und des Steuerstücks. Der Hebel gleicht in seiner Funktion den Rollen und der Steuerkurve des Steuerstücks. Wem die Funktionsweise der rollenverzögerten Verschlüsse unbekannt ist oder mehr darüber erfahren möchte, dem empfehle ich Teil 1 und Teil 2 meiner Beitragsreihe dazu. Für sehr detailierte Einblicke zur Dragon ist das Video von Forgotten Weapons zu empfehlen.
Rideout Arsenal nimmt derzeit Vorbestellungen für die erste Charge der Dragon-Pistolen an. Der Preis liegt aktuell bei 3600 US-Dollar. Mit Steuern etc. liegt der Preis also in einem ähnlichen Bereich wie die zuvor vorgestellten Pistolen. Vermutlich wird die Dragon hier in Deutschland in absehbarer Zeit nicht erhältlich sein - oder nur mit sehr hohem Aufwand.
Abbildung 9: Skizzierte Funktionsweise des hebelverzögerten Verschlusses der Dragon. Die Verzögerungsmasse (grün) wird durch die Verschlussfeder nach vorne gedrückt und wirkt auf den Hebel (blau). In der vorderen Stellung hakt der Hebel in eine Schiene (orange) ein. Beim Schuss wirkt der Gasdruck auf den Stoßboden (gelb) und beschleunigt diesen nach hinten. Der Verschluss wird durch den Hebel gehalten, wodurch der Hebel kippt und die Verzögerungsmasse nach hinten beschleunigt. Durch den Hebel wird die Verzögerungsmasse schneller als der Verschluss und nimmt die erste Energie des Schusses auf. Ist der Hebel vollständig über die Raste gefahren, können sich Verschluss und Verzögerungsmasse zusammen bewegen. Die Pfeile zeigen die aktuellen Geschwindigkeitsverhältnisse an, wodurch die höhere Geschwindigkeit der Verzögerungsmasse zu Beginn verdeutlicht wird. Quelle: Erstellt von Lorenz Shoots.


Abschließend kann festgehalten werden, dass die Erwartungen Vieler bestätigt wurden und dass die Veröffentlichung der Laugo Arms Alien zu einer Reihe neuer Entwicklungen mit ähnlichem Konzept führen wird. Ob auch die größeren Hersteller beginnen werden, mit Low Bore-Bauweisen zu experimentieren, bleibt abzuwarten. Vermutlich wird die Entwicklung für viele Jahre durch kleine Hersteller im sportlichen Bereich stattfinden. Da kleine Hersteller nur geringe Stückzahlen absetzen werden und unter enormen Produktionskosten leiden, werden diese Waffen immer im hohen Preisbereich landen und sind so nicht für jeden erschwinglich. Hier müssen wir noch einige Jahre abwarten und hoffen, dass größere Hersteller mit günstigeren Verfahren in den Markt einsteigen.